Rothenberg im Rückspiegel

Bilder und Geschichte(n)

Historische Bilder zeigen nur einen Teil der Wahrheit und verleiten zu dem Reflex: Früher war alles besser, schöner, idyllischer usw. Nostalgie halt.

 

Unsere Bilderauswahl speist sich hauptsächlich aus dem 20. Jahrhundert. 

In Kürze: Monarchistischer Obrigkeitsstaat, 1. Weltkrieg, Seuchen wie Typhus, Cholera und spanische Grippe, Wirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit, Währungsreform, Naziregime, Verfolgung, Terror, 2. Weltkrieg, Flucht, Vertreibung, Teilung Deutschlands, Währungsreform … .

Die Aufzählung lässt sich ergänzen und fortsetzen. Beim Betrachten der Bilder bitte auch bedenken: Armut, prekäre Wohn- und Arbeitsverhältnisse waren schon mangels Kamera nicht fotogen. Harte Arbeit wurde selten fotografiert. Auf dem Acker oder im Steinbruch hatte keiner eine Kamera dabei. Fotos, die Lebens- und Arbeitswelt zeigen, haben einen besonderen dokumentarischen Wert.

 

Normalerweise tragen fotografierte Personen Sonntagskleidung, die Szenen sind  gestellt, der Fotograf war angereist oder wurde in Eberbach besucht.

 

Postkarten machen Werbung, laden ein zum Urlaub im Höhenluftkurort, zeigen die Idylle. Bilder von Festen signalisieren Heiterkeit.

 

Was zeigen diese Bilder?

Genaues Hinsehen lohnt sich.

Aus dem Blättel

18.

Nach dem Rätsel und seiner Auflösung zurück zur Infrastruktur, den Straßen.

 

Rechts- und Kulturdenkmäler am Wegesrand bezeugen die frühere Bedeutung der heutigen Wege als Verbindungsstraßen. Beschriftete Sandsteinstelen als Wegweisersteine in der Heumatte und an den Rothenberger Eichen, das steinerne Sühnekreuz, Grenzsteine mit den Wappen der Hirschhorner Ritter und den Erbacher Grafen standen nicht im Abseits sondern an prominenten Stellen an der Straße über die Hirschhorner Höhe.

Anfang des 19. Jahrhunderts nahm im neu geschaffenen Großherzogtum Hessen, in dem die vorher selbständige Grafschaft Erbach aufgegangen war, der Straßenbau Fahrt auf.


Die Chaussee durch das Finkenbachtal ist 1837 fertigestellt worden. Legendär ist der „Schlawitzer“, der mit den Straßenarbeitern Handel trieb. Der Straßenbaumeister „Schossee-Ihrig“ gründete ein Sägewerk in Hainbrunn.

Die Straße durch das Gammelsbachtal wurde erst in der letzen Hälfte des 18. Jahrhunderts als sogenannte „Steinstraße“ ausgebaut. Rothenberg lag also bis ins 19. Jahrhundert an einer wichtigen Straßenverbindung zwischen dem Neckar- und dem Mümlingtal. Reges handwerkliches Leben konnte sich entwickeln. Unter den über 400 Einwohnern um 1800 gab es zum Beispiel 22 Leineweber und 18 Schuhmacher, die auf eigene Rechnung arbeiteten. Mit seinen 1098 Einwohnern (einschließlich Filialdörfer) war Rothenberg nach Reichelsheim und Steinbach 1835 das drittgrößte Dorf im Landratsbezirk Erbach. Der Ausbau der Verkehrswege im Tal und die Entscheidung der Großherzoglichen Regierung, die Eisenbahn nicht durch das Gammelsbach- oder Finkenbachtal, sondern im Ittertal zu bauen, traf nicht nur Beerfelden sondern auch Rothenberg hart: Einwohnerzahl und Handwerk entwickelten sich bis ins 20. Jahundert hinein rückläufig.

 

Uralte Technik des Straßenbaus: Gestückklopfen, Forststraße, verm. „Langer Wald“. Das Bild aus dem Jahr 1960 (VW-Käfer im Hintergrund!) stammt aus R. Wagner, Hirschhorns Wälder im Wandel der Zeit, Hirschhorn 2002). Gesteinsbrocken werden an Ort und Stelle zerkleinert und in den Untergrund eingearbeitet.

17.

Nein, nicht „`s Brandels“, Hauptstraße, Ecke FeldstraßeJa, es ist die „Quelle“, genauer das Gasthaus „Zur frischen Quelle“.

1902 eöffnete Johann Adam Siefert III. mit seiner Frau Katharina das Gasthaus mit Pension. Beide waren zuvor Pächter des Gasthauses „Zum Pflug“, von dem im Rückspiegel noch die Rede sein wird.

Die Postkarte mit dem rätselhaften Bild stammt aus den Anfangsjahren der Gastwirtschaft. Für den heutigen Betrachter irritierend: Baum und Grün auf linken Seite des Bildes. Scheune und Stall der benachbarten Metzgerei standen noch nicht.

Die Perspektive des Fotos im Rückspiegel 17 ist in etwa die gleiche, etwas später und ohne „Holz vor der Hütte“.

16.

Dass Rothenberg an der Landesstraße L 3410 zwischen Hirschhorn und Beerfelden liegt, wird lediglich von Motorradfahrern nicht wahrgenommen, die mit ihrem Fahrverhalten die Existenz eines bewohnten Dorfes ignorieren.

Die Landstraße zwischen Beerfelden und Rothenberg wurde in den Jahren 1901 bis  1904 gebaut. In den 1920er Jahren entstand die Trasse von Rothenberg über Kortelshütte nach Hirschhorn. Die gesamte, heute gewohnte Streckenführung Hirschhorn nach Beerfelden und umgekehrt ist also keine hundert Jahre alt.

Straßenbau in Handarbeit. Die Personen sind bekannt. Die Namen können in der Festschrift "250 Jahre Kortelshütte" der Dorfgemeinschaft Kohü nachgelesen werden

Was war vorher? Die alte Straße entsprach im Wesentlichen dem Höhenweg, der oberhalb Rothenbergs verläuft. Nach steilem Anstieg aus dem Neckartal folgte die Straße dem Kamm der Hirschhorner Höhe. Heute ist sie Wander- und Radweg (Markierung: blaues Kreuz). Benutzer, die genau hinschauen, erkennen an verschiedenen Stellen, dass die Straße mit Randsteinen und sogenannter Stückung durch Steine befestigt und gegen das Ausfahren durch eisenbereifte Räder gesichert war.

Bis ins 19. Jahrhundert folgten der Verlauf von Straßen den Höhenzügen. Steigungen und Gefälle in der Straßenführung waren für Fuhrwerke und Kutschen sicherer zu bewältigen als morastige und sumpfige Wege in den Bachtälern. Fast parallel zu der Straße auf der Hirschhorner Höhe verläuft die alte Poststraße auf der Höhe zwischen Finkenbach- und Ulfenbachtal.

15.

Wie in Folge 10 versprochen: Rätsel in Folge 15 des Rückspiegels.

 

„Allerhand Holz vor der Hütte!“ Vor welchem Haus liegt’s?.

 

Gewusstes oder Geratenes an bilder@vvrothenberg.de mailen oder per formlosem Zettel bei Metzgerei Postawa oder Floristik-Ingrid Braun in die Sammelbox werfen. Unter mehreren richtigen Antworten entscheidet das Los, wer den 10 Euro-Gutschein erhält.

 

Die Angabe von Lösung, Name, Anschrift, evtl. Telefonnummer genügt.

14.

Noch einmal: Abwasser.

 

Die Notwendigkeit einer geordneten Abwasserentsorgung wird heute niemand bestreiten. Gestritten wird über die Kosten und das Wer, Wie und Wo.
Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts begannen große Städte mit dem Bau von Kanalsystemen. Das Wissen und Können der alten Römer musste erst wiederentdeckt und notwendige Techniken entwickelt werden. Epidemien wie die Cholera 1892 in Hamburg erzeugten Handlungsdruck.


Im ländlichen Raum dauerte es noch. In Rothenberg begannen die Kanalisationsarbeiten in den 1960er Jahren. Erst in den 1980er  Jahren gab es den „Anschlusszwang“: jedes Anwesen musste dann in die Kanalisation entwässern. Bis dahin galt: Plumpsklos enden im Puhlloch. Dort vermischte sich Menschliches mit den flüssigen Hinterlassenschaften der Tierhaltung aus Stall und „Mischte“. Klärgrube, später Hauskläranlage, nannte sich das Puhlloch in Amtsdeutsch. Früher war es gemauert und eingewölbt, später aus Betonringen konstruiert.


Die gemauerten Jauchegruben waren nicht wirklich dicht. Puhl konnte versickern,wasserführende Klüfte im Untergrund erreichen und damit die Reinheit des Brunnenwassers gefährden. Noch heute bezeugen Salpeterablagerungen im Stollen des Ahlsbrunnens die möglichen Gesundheitsgefahren.

 

Eine funktionierene Kanalisation ist eine fortwährende Herausforderung der Kommunen. Verschleiß, Bevölkerungswachstum und zunehmende Bodenversiegelung, z.B. durch Neubaugebiete und Straßenbau, werden auch zukünftig Kanalbaumaßnahmen notwendig machen und hohe Kosten verursachen. Wir profitieren heute von der Infrastruktur, die in den 1960er Jahren geplant und in den Folgejahren geschaffen und finanziert wurde. Allerhand wurde „gestemmt“, Schulden inklusive. Es gilt jetzt, das ererbte Vermögen zu erhalten und in seinen Ausbau investieren. „Fer Umme geht nix“. Das sollte jede und jeder bei der Lektüre des Gebühren- und Abgabenbescheids mit auf dem Schirm haben.

 

Aktuelle Herausforderung: Rückstau in der Odenwälder Landstraße, dadurch Abwasser durchs Gully in den Keller. Einige Bewohner können zur Zeit anschaulich und riechbar erfahren, dass Kanalisation auch umgekehrt funktionieren kann. 

Arbeiten der Fa. Weinthäter an der Klärgrube des Forsthauses, heute Gästehaus „Hirsch“ in der Schulstraße.
Von links n. rechts: Karl Weinthäter, Georg Weinthäter, Ludwig Braun, Albert Ludebühl, Herbert Braner, Förster Siegel. Das Schild am Haus im Hintergrund bewirbt den dort ansässigen Flaschenbierhandel von Anna Wolf.

13.

Das Foto im Rückspiegel 12 dokumentiert die Abwasserführung aus dem Oberdorf. In der Straßenrinne gesammelt findet das Schmutzwasser seinen Weg in einem Graben: Unter der Brücke am Haus Konsum, durch die Wiese, zwischen Mengesebecker und Frills, vorbei am Berndsbrunnen, unter der Straße hindurch in die Brunnenwiese. Das „System“ war ruchbar, sichtbar und wenig hygienisch aber einfach, billig und üblich. Regen sorgte für die Spülung, wenn – ja wenn – es nicht zu stark „runtermachte“.Die Familie Mergenthaler (s´ Benze) weiß noch heute von den immer wiederkehrenden Ereignissen zu berichten, in denen der Inhalt des Grabens ihr Anwesen flutete. Ende der sechziger Jahre wurde das Abwasser kanalisiert.

Ende der 1960er Jahre geknipst: In der Tür begutachtet die Benz-Oma den Schaden, den das mittlerweile abgelaufene Wasser, einschließlich seiner Mitbringsel, hinterlassen hat. Apfelweinfässer schwimmen im gefluteten Keller. In der Schubkarre befindet sich noch Mist. Zur Abwehr der Schmutzwassermassen hatte man den Inhalt der Dungstätte zu Dämmen aufgeworfen.

12.

Zu unserem Rätsel in Folge 10 haben uns etliche Lösungen erreicht. Den zweiten Platz belegte das Haus „Lennepell“ – heute Gittek - am Finkenbacher Weg.
Meistens wurde auf „Konsumms“ getippt und das war richtig! Der Eingang zum Lebensmittelladen befindet sich an der Straßenseite. Auffällig ist die Brücke mit Staffel, die an der Giebelseite den privaten Eingang des Hauses bildet.

Brücke? Wasser? Wasser im Oberdorf, das jahrhundertelang unter Wassernotständen litt? Zeitzeugen und der Ausschnitt aus einer Luftbildaufnahme aus dem Jahr 1938 schaffen Klarheit: Abwasser! Bridge Over Troubled Water!
An dieser Stelle, unter dieser Brücke, wurde das Schmutzwasser, das bis dahin den Rinnen am Straßenrand gefolgt war, in Richtung Tal abgeleitet. Der Graben ist auf dem Foto deutlich zu erkennen. Erst über die Wiese, dann zwischen Frills (Ludebühl), Mengesebecker (Wagner) und Mengesebauer (Olbert) vorbei in Richtung Berndsbrunnen und Haus Benz (Mergenthaler). Letztere hatten bei größeren Regenereignissen ihre Freude: „Vorne die Hausdier noi, hinne werrer raus“. Von dort strömte die Brühe in die Brunnenwiese.

Die Versorgung mit Wasser ist seit 1902 im Prinzip gelöst, die Entsorgung des Abwassers aber ein Problem, das im gesamten Dorf bis zum Ende der 1960er Jahre sinnlich durch Auge und Nase wahrgenommen werden konnte: es floss am Straßenrand. Plumpsklos ohne Spülung und bescheidene Hygienegewohnheiten produzierten zwar weniger Abwasser, aber gewaschen, gespült und geputzt wurde schon immer, auch das Regenwasser und der Überlauf aus den „Puhllöchern“ brauchte einen Weg. 1969/70 wurden die Kanalbau-maßnahmen begonnen. Bis zum Ende der 1980er Jahre brauchte das gigantische Projekt, das die Gemeinde zu stemmen hatte, Zeit, um die Abwässer aller Ortsteile in die Kläranlage Neckarsteinach fließen zu lassen.

11.

 

In Folge 9 war die Rede von Hausnamen.

 

Hausnamen ermöglichten die zweifelsfreie Identifikation einer Person und ihres Wohnplatzes. Die Kombination aus Hausname und Vorname, z.B. Phillips-Karl, war immer eindeutig. Kinder, mit den Worten „Wem gherschn du?“ nach ihrerm Namen gefragt, taten gut daran, sich über den Hausnamen zu outen. Beispiel aus eigenem Erleben: „De Phillips-Emmi!“; eigener Vorname noch genannt, gut war´s.

Hausnamen wurden von der Dorfgemeinschaft zugewiesen. Ein relativ einfach zu deutender sozialer Vorgang: Die Betroffenen werden solange mit ihrem Hausnamen benannt, bis sie selbst daran glauben, so zu heißen. Die Inhaber der Namen hatten die Namensgebung also zu akzeptieren.

Änderungen der Hausnamen folgten offenbar nur größeren Ereignissen oder dem Auftreten auffälliger Persönlichkeiten.

 

Heinrich und Horst Beisel haben 2008 die Hausnamen in Rothenberg dokumentiert. Bestandteile der Hausnamen, soweit sie heute noch zu deuten sind: Berufe und Gewerbe wie Rasierersch, Metzgersch. Bei Unterscheidungsbedarf gekoppelt mit dem amtlichen Nachnamen oder dem Wohnplatz: Brouschneirersch, Mengesebeckersch, Käichebauersch. Auf eine öffentliche Funktion verweisen die Bolizeidienersch, Fellschitze, Schmusersch und Rechnersch. Bei den Wirtsfamilien war die Identifikation leicht. Rosewerts, Quellewerts und Herschwerts. Nur die Gäste des Adlers sind beim Boimäschter eingekehrt.

 

Beachtenswert sind die Hausnamen die das Gewerbe der Namensträger nennen. Kombinationen aus Schuh/Schuster gibt es sechsmal, aus Schneider viermal. Hatten die Rothenberger einen so hohen Klamottenverschleiß? Eher nicht. Kleidung wurde geflickt und, wenn möglich, weitergegeben.

Bis heute überliefert sind: Simmeschuschters, Schuschtersch, Lichtschuschtersch, Schuhmichels, Baiselschuhmachersch, Daumschuschtersch. Klar, es wurde auch für den Bedarf im Dorf produziert, doch der war überschaubar. Schuhe waren teuer und mussten lange halten. Allenfalls ein Paar für Weerdaags und ein Paar für Sunndaags, bei Verschleiß neu besohlt und frisch benagelt. Ein Schuhschrank war „uunerrisch“. Der „Oba“ stellte seine Schlappen, die er zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, unter`s Bett.

 

Das Kleingewerbe der Schneider und Schuhmacher produzierte in eigener Werkstatt und auf eigenes Risiko für sogenannte Verleger. Die Schuhe wurden im Vertrieb von Händlern in Städten und auf Märkten verkauft. Oft lieferten die Verleger auch das Material. Beerfelden war eine Drehscheibe für diese vorindustrielle Produktionsform. Dem Entstehen großer Schuhfabriken (Pirmasens, Worms, Offenbach …) folgte der Niedergang des Kleingewerbes der Schuhmacher. Sie teilten damit das Schicksal der Hausweber, die schon Jahrzehnte vorher ihre Konkurrenzfähigkeit gegen die Textilindustrie verloren hatten. Was blieb: Schusterarbeiten zur Reparatur oder ein Schuhgeschäft.

Schuhgeschäft der Familie Schmidt – Schuhmichels - an der Ecke Hauptstraße und Landwehrstrasse im Oberdorf.

10.

Wo ist das? Die Person muss nicht erkannt werden.

Gewusstes oder Geratenes an bilder@vvrothenberg.de mailen oder per formlosem Zettel bei Metzgerei Postawa oder Floristik-Ingrid Braun in die Sammelbox werfen. Unter mehreren richtigen Antworten entscheidet das Los, wer den 10 Euro-Gutschein erhält.

Die Angabe von Lösung, Name, Anschrift, evtl. Telefonnummer genügt.

oder:

9.

Neue Nachrichten hatten auch schon vor Twitter, Facebook und Co. einen hohen Stellenwert. In den fünfziger Jahren arbeitete die „Deutsche Bundespost“ noch mit Postkarten und Briefen nach dem System WartsAb.

Die Adresse vor der Einführung von Postleitzahlen und amtlichen Straßenbezeichnungen: Name, Rothenberg, Post Hirschhorn. Wegen der Verwechslungsgefahr bei gleichen Vor- und Nachnamen, waren die betroffenen Herren Haushaltungsvorstände mit römischen Zahlen durchnummeriert. Karl Beisel I, Karl Beisel II usw.. Post „an de Phillips-Karl“ wäre aber auch angekommen *. Wie sich der Briefträger unter den vielen Annas, Kathrins, Kattches und Sofies im Dorf orientiert hat, bleibt Postgeheimnis.

 

* Über Rothenberger Hausnamen haben Bailshannese-Horst (Beisel) und Jejahls-Heinrich (Beisel) 2008 ein Buch veröffentlicht.

Das Postauto aus Hirschhorn auf dem Metzkeil: Großer persönlicher Einsatz aus der Bevölkerung führt zur Reduzierung des Aufwandes der Post bei der innerörtlichen Zustellung. Kein Postraub, sondern WhatsApp der frühen 50er Jahre – piiep – .

8. 

Die prekäre Lage der Wasserversorgung hatte ihre Ursache auch in der Bevölkerungsentwicklung. 1840 hatte Rothenberg ca. 850 Einwohner, 1880 waren es ca. 1200.

 

Die Akten berichten über den Eckbüschelsbrunnen (Ahlsbrunnen), dass 1879 „ ... eine Summe Geldes zur Reparatur an demselben angewendet.“ wurde.

 

Die durch fünfundsechzig Unterschriften der Haushaltungsvorstände bekräftigte Eingabe der Ortsbürger, mit dem Verlangen, einen neuen Brunnen zu errichten, fruchtet (trotz der Unterschrift meines Urur-Großvaters) nicht. Der Ausbau des Weges nach Hainbrunn, über den, vor dem Bau der Landesstraße im 20. Jahrhundert, die Holztransporte aus den Waldungen der Gemeinde und der großen Bauern liefen, wurde der Eingabe der im Oberdorf ansässigen kleinen Leute vorgezogen. Sicherlich verloren die im Gemeinderat dominanten Bauern aus dem Unterdorf bei der Entscheidung ihre eigenen Interessen nicht aus dem Auge. Sie bedachten aber auch, dass die Aufgaben der Gemeinde – Wege, Wasser, Kirchen, Friedhof, Ordnung, Sicherheit und Verwaltung … - damals zu großen Teilen aus den Erlösen des Holzverkaufs aus dem Gemeindewald finanziert werden mussten. Der Holztransport brauchte Wege.

 

Drei Generationen der Familie Schwinn (Rechnersch) und ein Fuhrknecht. Hoffentlich halten die Bremsen des gigantischen Vehikels auf dem Weg ins Tal. Genaues Hinsehen lohnt sich: Neben dem alten Rechner ist ein Radschuh mit Kette zu erkennen. Hölzerne oder eiserne Radschuhe kamen vor steil abschüssigen Strecken unter die Räder und verwandelten das Fuhrwerk dann in einen Schlitten mit hoher Bremswirkung – auf Kosten des Wegezustandes, versteht sich. Die Auswirkungen blockierter Räder mit Eisenreifen waren noch schlimmer. Die Benutzung von Radschuhen auf steilen Abfahrten war obrigkeitlich vorgeschrieben. Strafe drohte bei Zuwiderhandlung; so steht es bei Olfen, 1831 in Stein gemeißelt: … wer „ohne Rathschuh rehmt (bremst), kost 1 Gulden 30 Kreuzer Straf“.

 

Zurück zum Brunnen:

Erst in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts werden die drei „gemeinheitlichen“ Brunnen in der Gemeinde Rothenberg so hergestellt, wie wir sie heute kennen. Der Brunnenstock des Eckbüschelsbrunnens trägt die Jahreszahl 1887. In diesem Jahr wurde zum letzen Mal versucht, die Wasserschüttung des Brunnens zu verbessern. Die Spuren dieser Arbeit sind in dem fast 200 m langen Stollen noch heute erkennbar.
Der Wassermangel in Rothenberg, besonders im Oberdorf, war damit aber nicht behoben. Ähnlich lautende Eingaben der Bürger beschäftigten die Vertreter der Obrigkeit bis zur Jahrhundertwende und führten endlich, im Jahre 1902, zum Bau der öffentlichen Wasserleitung.

Das Aquarell wurde 1947 von Hanna Breidinger-Spohr, einer bekannten Eberbacher Künstlerin, gemalt

7.

Eine Bürgerinitiative – würden wir heute sagen – wendet sich in ihrer Not nicht mehr an den Gemeinderat, das hatte sie bereits erfolglos hinter sich, sondern an die Obrigkeit. Im Februar 1879 geschrieben ist eine Eingabe der Rothenberger Ortsbürger aus dem Eckbüschel, dem Oberdorf, an das Großherzogliche Kreisamt Erbach, die außer in die Mängel der Wasserversorgung noch Einblick in die sozialen Verhältnisse gibt.

 

Zitat aus der Eingabe, Schreibweise und Rechtschreibung von 1879:

„... In der Gemeinde Rothenberg befinden sich nur 3 gemeinheitliche Brunnen, wovon der Zustand von zweien ... manches zu wünschen übrig läßt, während sich der dritte, der einzige Röhrenbrunnen in der Nähe der Kirche, in ziemlich gutem Zustand befindet.

Für den hoch gelegenen Theil des Dorfes, s.g. Eckbüschel, den Wohnplatz der Unterzeichneten, ist nur ein in mangelhaftem Zustande sich befindlicher schwacher Gemeindebrunnen vorhanden, der zwar nie ganz versiegt, aber doch lange nicht ausreichend ist, um die zahlreiche Nachbarschaft hinreichend mit Wasser zu versorgen.

An diesem Brunnen sind in ungefähr 50 Wohnhäusern mindestens 70 - 75 Haushaltungen mit circ. 310 Seelen und 90 Stück Rindvieh angewiesen, sich mit dem erforderlichen Wasser zu versehen. Bei der unzureichenden Menge und dem starken Bedarf derselben kommt es daher immer vor, daß Kinder und Erwachsene oft eine Stunde und noch länger warten müssen, bis sie eine kleine Parthie Wasser bekommen können, da an der Quelle jederzeit eine Menge leerer Eimer und Kübeln auf den Augenblick ihrer Füllung warten. Fast ganze Nächte hindurch ist dieser Brunnen häufig mit Menschen belagert, um das zur Haushaltung und zum Tränken des Viehes erforderliche Wasser zu bekommen.


Daß unter diesen Verhältnissen das Wasserholen viele kostbare Zeit raubt, ist einleuchtend. Die Unterzeichneten sind meistens Tagelöhner und arbeiten in den Waldungen der Gemeinden von Hirschhorn und Eberbach. Wie unangenehm ist es aber für uns, wenn die Frauen am Abend aus den oft zwei Stunden entfernten Waldungen zurückkehren und dann erst stundenlang am schwachen Brunnen warten müssen, um das zur Bereitung des Nachtessens erforderliche Wasser zu bekommen, oder wenn wir ermüdeten Männer, die wir nach schwerer Arbeit und langem Gang so sehr der Nachtruhe bedürfen erst kaum um 11 Uhr abends oder noch später so viel Wasser vorfinden, daß das dürstende Rindvieh getränkt werden kann.
Bei einer etwa ausbrechenden Feuersbrunst ist auch nicht leicht an die Rettung eines brennenden Gebäudes zu denken, da der vorhandene Brunnen nur viel weniger Wasser liefert, als für eine kleine Feuerspritze nöthig ist. …“

Bis dahin das Zitat.

 

6.

Bildausschnitt aus Folge 5*:

 

Szene vor Schule und Hirschwirt: Herr mit Gehstock im Gehrock und Zylinder. Dame mit Sunne-Scherm und Puff-Ärmeln. Geschönte Urlaubsmotive sind nichts Neues. Um den Werbeeffekt der Karte zu steigern, hat der Postkartenmacher, ein Lithograf, schon im Jahre 1900 Fakes eingebaut. Die Passanten sind im Vergleich zur abgebildeten Bausubstanz eindeutig zu klein. Eine Scheese (Chaise) mit peitschenschwingendem Kutscher nimmt vor dem Kirchenbuckel Fahrt auf. Wer sucht, findet die gleichen Figurengruppen bestimmt auch auf anderen Bildpostkarten.

 

Die Realität sah noch bis in die 60er Jahre anders aus. Zu Transport- und Ackerarbeiten nutzten nur wohlhabendere Bauern Pferde und Ochsen. Kleinbauern, Arbeiter und Handwerker, die auf ihre kleine Landwirtschaft angewiesen waren, spannten Rindvieh ein: In der Regel keine Ochsen, sondern Kühe, die auf Kosten ihrer Milchleistung die Vorspannarbeit an Wagen, Pflug oder Egge verrichteten.

Viele Arbeiter hatten noch nicht einmal das. Drei „Geese“ (Ziegen) und eine Sau standen im Stall, taugten aber nicht zum Ackerbau, Hinkel und Hase brauchten Futter. Geesebauern tauschten ihre Arbeitskraft: Handdienste gegen Spanndienste. Sie halfen den Zugviehbesitzern. Dafür zackerten (pflügten) diese dann den oder jenen „halbe Morje“ (ca, 1250 m², ein hessischer Morgen = 2500 m²), den der Selbstversorger aus der in Rothenberg beim Erbfall üblichen Realteilung noch hatte und mit Kartoffeln sowie Brotgetreide bebaute.

 

Das Bild zeigt Karl Weinthäter (1888 – 1970), Maurermeister und damals Chef des bekannten Baugeschäfts. Keine galoppierenden Braunen, wie auf der Postkarte sondern weibliches Rindvieh. Kein Sunne-Scherm, sondern Hut, kunstvoll geflickter Arbeitsblouson von ehrwürdigem Alter, statt Gehrock. Neue „Blooe“ gabs im Kolonialwarenladen seiner Schwester Wilhelmine. Das Fuhrwerk ist freihändig geführt, die Kühe wissen wohin´s geht, er mit qualmender Kippe, die vermutlich kurz vor ihrer Zündung, im Hosensack von Hand gedreht worden war.

Der älteren Generation wird das typische Geräusch der eisenbeschlagenen „Rärrer“ auf der Pflasterstraße noch in den Ohren knirschen.

5.

Bildpostkarte, Lithografie, mit der Peter Ludwig Hanst für sein Gasthaus „ Zum Hirsch“ wirbt. Vor dem Gasthaus nimmt ein peitschenschwingender Kutscher Anlauf, um mit den Braunen vor seiner Scheese die anstehende Steigung zu bewältigen. Die Dame mit dem aufgespannten Sunne-Scherm und das lustwandelnde Paar, keine Rothenberger Alltagsgestalten, er mit Gehstock, verleihen dem Ambiente etwas mondänes. Eher Monaco als Rothenberg.

Realität: Schlechte Straßen und eher ein Kuhgespann, als zwei Pferde an der Deichsel. Die 1870 erbaute Schule verfügt noch über ihr Glockentürmchen und die Außentreppe vor der Eingangstür. Treppe und damit auch Tür sind in den 1970er Jahren, den Verkehrsbedürfnissen folgend, nach Innen verlagert worden.

Die Karte ist abgestempelt in Hirschhorn am 16.4.1900. Geschrieben von Eva Heckmann, Marie Freidel und Sophie Heckmann: „Hier bei einem lieblichen Glas …“. Die Girl-Group des Jahres 1900 grüßt mit der Karte Käthchen Fuhr. Deren Adresse: „Bei Karl Schuh in Grenzhof“. Grenzhof liegt zwischen Heidelberg und Mannheim-Friedrichsfeld.

Noch lange im 20. Jahrhundert war es üblich, Mädchen, nach Schulbesuch und Konfirmation, bis zu ihrer Verheiratung, „in Stellung“ zu schicken. Als Kindermädchen, Magd, Dienstmädchen, Verkäuferin arbeiteten sie auf großen Bauernhöfen oder bei wohlhabenden Familien in den umliegenden Städten. Eine Esserin weniger am elterlichen Tisch in Rothenberg. In überlieferten Dienstverträgen war die Entlohnung in Geld, Verpflegung, Unterkunft und Kleidung bis hin zum letzten Schuhnagel geregelt.

4.

Rothenberger Unterdorf von Norden. Postkarte, colorierte Lithografie, undatiert, Poststempel nicht lesbar. Wann könnte die Karte entstanden sein?

 

Genaues Hinsehen lohnt sich: Die Karte verrät ihr ungefähres Alter nämlich selbst und erzählt dabei einiges aus der Rothenberger Geschichte.

 

Die Briefmarken auf der Rückseite stammen aus dem Kaiserreich. Dreißig Pfennig berappte der Absender an die Reichspost;. Ganz schön happig in der Zeit vor 1918, in der 1 kg Brot für ca. 50 Pfennig gehandelt wurde.

 

Aus dem Vordergrund zieht sich das helle Bandder Straße ins Dorf. Der Schotterbelag sieht nicht nur aus wie neu, er ist auch relativ neu. Die Straße zwischen Beerfelden und Rothenberg wurde von 1901 bis 1904 gebaut. Der Wuchszustand der „Beem“ am Straßenrand – heute sagt man Straßenbegleitgrün – könnte mit etwa zehn Jahren nach der Pflanzung geschätzt werden. Das Pfarrhaus der evangelischen Landeskirche wurde 1908 errichtet. Damit ist der zeitliche Marker für die früheste Entstehung der Postkarte gesetzt: Nicht vor 1908. Den zweiten Marker liefert die Abbildung der Schule: Das Glockentürmchen. Seit dem Bau der Schule im Jahr 1870 gliederte Glockengebimmel den Schulalltag. 1916 musste die Schulglocke zur Einschmelzung als Material für die Kriegswaffenproduktion des 1. Weltkriegs abgegeben werden. Im gleichen Jahr war tagelang auf der Rothenberger Höhe der Kanonendonner von den 300 km entfernten Schlachtfeldern bei Verdun zu hören.

 

Das Türmchen selbst war nach 46 Jahren reparaturbedürftig und wurde nach der Ablieferung der Glocke kurzerhand  abgerissen.
Die Karte datiert also vor 1916.

3. 

Hirschhorner Straße, Mitte der 50er.

Der Fotograf hat das neue, 1954 eingeweihte Rothenberger Dorfgemeinschaftshaus, später Gemeindeverwaltung und Kindergarten, im Focus. Die uralte Baulücke zwischen Unter- und Oberdorf wird langsam geschlossen.
Rechts das Scholzehannese-Haus. Dahinter, in offenem Fachwerk, das Armen- oder Hirtenhaus, laut einer im Sockel eingemeißelten Bauurkunde 1776 erbaut. Gegenüber Stallungen und Scheunen des Anwesens Schwinn (Rechnersch). Das Heag-Türmchen steht noch nicht, der Blick ist frei auf den zwischenzeitlich abgerissenen Säustall der Familie Volk. Den heute längst bebauten Hang zieren noch die Masten der Stromversorgung. Die Gartenmauer links ist bis heute erhalten. Ein Geheimnis gibt die Fotografie nicht preis: Ist die Straße geteert oder nicht?

2.

Krämersbrunnen mit Blick auf das Haus Sauer (Sauerschneirersch) und die Anwesen Weinthäter und Beisel (Famgsäsersch). Die Treppe vor dem Haus führte in Wilhelmines Kolonialwarenladen.

Undatiert. Der geparkte PKW verweist in die 60er Jahre. Hinkel uff de Gass gehörten früher ins Ortsbild.

1.

Gasthäuser "Zum Adler", Bes. Wilhelm Schwinn und "Zum Hirsch", Bes.Peter Ludwig Hanst.

 

Genaues Hinsehen lohnt sich:

Zwischen der Gastronomie dampft die Bettwäsche des Feldschützen Wieder auf dem Geländer der Staffel vor seinem Haus. Die Ansichtskarte soll in den Jahren um 1910 gedruckt sein. Muss nicht stimmen:
Auf den Häusern befinden sich Dachständer. Entweder zur Elektrizitätsversorgung, die erst ab 1919 beginnt oder es ist eine Telefonleitung. Zwischen 1902 und 1904 wurden die ersten Fernsprechstellen, zunächst in Hainbrunn, dann in Rothenberg eingerichtet. Für die Fernsprechleitung spricht, dass das Haus des Feldschützen ohne Dachständer auskommt.

Bonus(s)

 

für die Besucher der Homepage:

 

Bilder, die im Blättel nicht veröffentlicht werden

1956

oder früher:

Das Postauto donnert in Richtung Rothenberg.

Das Nummernschild verrät, dass die Aufnahme 1956 oder früher entstanden ist.

1954

 

Ein paar Schippen noch, dann kann der Ministerpräsident (Georg August Zinn) zur Einweihung des neuen Dorfgemeinschafts-hauses kommen.

Undatiert:

 

Backofen des Anwesens Bartmann (Wipfrebauer) heute: Weiss, am Metzkeil

 

Undatiert:

 

Gasthaus
"Zur frischen Quelle"

Standort für Ansichtskartenmacher: Der Homerich

Kommentare, Richtigstellungen und Ergänzungen unter bilder@vvrothenberg.de

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