Rückspiegel ab Folge 41

49.

Am Freitag, 18.11. und  am Samstag, 19.11., jeweils um 20 Uhr, bespaßt die Rothenberger Theatergruppe (RTG) wieder ihr Publikum in der Sporthalle: „Kaviar trifft Currywurst“. Vielleicht gibt es noch Karten im Vorverkauf oder an der Abendkasse.

 

Mehr als 70 Jahre zuvor brachten die Ahnen der RTG „Müllers Lies“ auf die Bühne des Saales im „Adler“. 1951 hatte man wieder Lust, Zeit und Muße zum Theaterspiel. In einer Zeit ohne Fernseher wurde das Angebot gerne angenommen. Der Rückspiegel 47 berichtete mit einem Bild der Gruppe und bat um Hilfe bei der zeitlichen Einordnung und der Identifikation der Personen. Es gab einige Rückmeldungen, deren Ergebnis hier noch nicht verraten werden soll. Stattdessen ein weiteres Foto, aufgenommen vor dem Haus Bartmann am Rothenberger Metzkeil. Damals kam zum Fotografieren noch der Profi Helm aus Beerfelden

47.

Im November spielt die Rothenberger Theatergruppe nach der Coronapause wieder auf: „Kaviar trifft Currywurst“, eine Komödie über Schein und Sein der Edelgastronomie, wird nicht nur den Gaumen sondern auch die Lachmuskeln reizen.

Das Bild im heutigen Rückspiegel zeigt die Ahnen der Rothenberger Theatergruppe. Die stolze Gruppe brachte „Müllers Lies“ zur Aufführung. Wer Details weiß, das Stück, das Jahr oder schauspielende Personen kennt, meldet sich bitte beim Rückspiegel.

46.

Das Neckartal diente auch nach 1648 immer wieder dem Durchmarsch von Truppen, deren Führungen von den Bewohnern nicht nur ganz offiziel Geldzahlungen (Kontributionen) verlangten, Quartier und Verflegung eintrieben, sondern auch plündern ließen. 1672 begannen wieder ein Krieg: Heiliges Römisches Reich gegen Frankreich. General Turenne gewann 1674 die Schlacht bei Sinsheim. Insgesamt kämpften 12.000 Mann Kavallerie. Die Männer und ihre Pferde wollten versorgt sein. „ … leider bewiesen sich damals die deutschen Truppen ebenso feindselig gegen die armen Einwohner, als die Feinde selbst. Was bei ihrem Durchzug die deutschen Truppen übrig gelassen hatten, vernichtete die [ … ] französische Armee.“ Es kam zu Tätlichkeiten. Bedrängte Bauern „hängten einzeln gefangene Soldaten auf, und die Franzosen verbrannten dafür ganze Dörfer“, schreibt F.R. Kissinger in seiner Chronik Hirschhorns. 1677 gab es eine Pause „bis […] unter Melack von neuem die Einwohner“ […] heimgesucht wurden. Der französische General Melac wurde von seinem König, Ludwig XIV, dem Sonnenkönig, der die Kurpfalz nach dem Tode des Kurfürsten als sein Erbe beanspruchte, mit dem Auftrag „Brulez le Palatinat!“ (Brennt die Pfalz nieder!) auch in unsere Gegend geschickt und leistete dort ganze Arbeit. Das Heidelberger Schloß ist seitdem eine Ruine.

Die Rothenberger hatten, wie andere Dörfer in der Nähe des Neckars auch, mit Sicherheit ungebetenen Besuch. Wenig ist schriftlich überliefert. Die Leute selbst waren des Schreibens nicht oder nur wenig kundig. Dokumente der Verwaltung oder Kirche sind lückenhaft oder noch nicht gefunden.

Die Mauer um die Rothenberger Wehrkirche bot der Bevölkerung lange Zeit Schutz. Sie wurde um 1800 als baufällig beschrieben und 1845 eingerissen. Die Steine fanden eine neue Verwendung in der Mauer des 1783 angelegten, noch heute genutzten, Friedhofs. Wenn Steine erzählen könnten ……. .

45.

Mit dem Abschluss des Westfälischen Friedens beendeten die europäischen Potentaten im Oktober 1648 den 1618 begonnen Krieg um Land und Leute, der in seinem Verlauf zu einem Krieg gegen Land und Leute geworden war. Die Bevölkerung hatte noch lange zu leiden und mit den Folgen zu kämpfen. Wirtschaftliche Not, Obdachlosigkeit, Hunger und Pest, mussten erst noch besiegt werden. Welches religiöse Bekenntnis kann den Leuten zugemutet werden? Lutherisch, reformiert oder katholisch? Wie die Rothenberger Geschichte zeigt, war die Frage auf dem Hintergrund dessen, was die Bevölkerung selbst wollte, nicht entschieden, führte zu Übergriffen der Obrigkeit und Auseinandersetzungen, die bis in das 19. Jahrhundert reichten und u.a. durch den Gebrauch von Schusswaffen - in mehreren Fällen - beantwortet werden sollte. Dazu mehr in einem späteren Rückspiegel.

44.

Tod, Missbrauch, Raub, Verstümmelung: Die immer größer werdenden Söldnerheere der katholischen Liga und der evangelischen Union, in denen sich der Hochadel zusammengeschlossen hatte, mussten sich durch Plünderungen selbst versorgen. Ganze Landstriche wurden verwüstet, damit für den Feind nichts übrigblieb. Hauptkriegsfolge war ein Massensterben der ländlichen Bevölkerung, wie die Zahlen auch für Rothenberg belegen (RS 43). Der Krieg um Land und Leute richtete sich objektiv gegen Land und Leute. Die Todesfälle, die in Rothenberg für das Jahr 1622 dokumentiert sind, stehen sicherlich in Verbindung mit dem Kriegszug Tillys durch das Neckartal. Der schlug sein Lager bei Hirschhorn auf und beobachtete von dort aus die Truppenbewegungen seines evangelischen Gegners Mansfeld. Südhessische Chroniken berichten von bis zu 4000 Mann Kavallerie, die im April 1622 vom Neckar aus auf dem Weg an den Main in das Amt Freienstein einrückten. Städte, Burgen und Dörfer am Wege wurden erneut geplündert; auch Erbach wurde nicht verschont.

1632 treiben die Schweden, also „Verbündete“ der evangelischen Union, nach der Schlacht bei Nördlingen, die kaiserlichen Truppen General Tillys aus der Pfalz. Die Schweden marschieren durch das Neckartal; mit allen Folgen für die Bevölkerung am und um den Neckar. Dokumente beschreiben die Vorkommnisse in Eberbach und Hirschhorn. Gezahlte Kontributionen schützten die Städte und Dörfer nicht vor den Umtrieben marodierender Söldner. Die Wehrkirche bot nur unzureichenden Schutz. Viele, wenn nicht alle Dorfbewohner, die immer wieder auch Schutz in Waldverstecken gesucht hatten, flüchteten hinter die vermeintlich sicheren Mauern Hirschhorns. Schon 1624 wird die Anwesenheit des Rothenberger Schultheißen Georg Beysel in den Annalen vermerkt. „Gassen, Höffe und Winckel lagen voller Leutte“ und die fristeten „im Regen Schnee und under dem freyen Himmel“ ein elendes Dasein.

In Hirschhorn wartete 1635 die nächste Katastrophe, der Schwarze Tod: Die Pest brach aus. Die Pesttoten, unter denen sich bestimmt auch Rothenberger befanden, wurden in Massengräbern vor dem Böcklestor bestattet. Der Platz ist heute der verkehrsreichste in Hirschhorn.

Am 23. Juni 1622 überfallen Kroaten aus Tillys Armee Burg und Bevölkerung Erbachs. Gemälde aus dem Privatbesitz Graf Erbach-Erbach. Foto: Foto-König, www.schloss-erbach.de. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Gräflichen Rentkammer.

43.

Wie berichtet, gelang den Rothenbergern, verschanzt in ihrer Verteidigungsanlage, der Wehrkirche und dem ummauerten, mit Schießscharten versehenen Friedhof, in der Abwehr marodierender Söldner im November 1621, ein Erfolg. Das Leiden der Bevölkerung ging aber weiter. Berichte über weitere Überfälle der Soldateska der kriegführenden Parteien gibt es zwar nicht, das Rothenberger Dorfbuch enthält aber Hinweise.

1618 starb Ludwig von Hirschhorn. Seinem Nachfolger, Friedrich, huldigten im gleichen Jahr 52 Gemeindsmänner. Gemeindsmänner sind männliche Ortsbürger mit allen Rechten. Frauen, Kinder, Beisassen also Bewohner ohne Ortsbürgerrechte und deren Familien sind in dieser Zahl nicht enthalten. Dem Huldigungsprotokoll im Dorfbuch sind, hinter den Namen der Schwörenden, Kreuze mit der Jahreszahl 1622 nachträglich eingefügt. 1632 starb mit Friedrich der letzte Angehörige des Rittergeschlechts der Hirschhorner. 1641 hatten die Rothenberger dem neuen Lehnsherren der reichsunmittelbaren Herrschaft, Kraft Adolf von Cronberg, zu huldigen, das heißt nach Verlesung der Rechte und Pflichten, ihren Eid als Untertanen abzulegen. Das Huldigungsprotokoll verzeichnet jetzt nur noch 22 Ortsbürger. 30 Gemeindsmänner waren in dieser Zeit gestorben, das Schicksal ihrer Familien: ungewiss. Im Jahr 1556 waren in der Herrschaft Rothenberg 43 Häuser gemeldet. 1641 waren in der Herrschaft noch 16 Häuser bewohnt. Zerstört oder niedergebrannt waren 8 Häuser in Rothenberg, in Ober-Hainbrunn 3, in Unter-Finkenbach 2 Häuser. 14 Häuser standen leer.

Sieben Kriegsjahre standen der Bevölkerung noch bevor.

42.

Lucks Schilderungen beziehen sich auf die Grafschaft Erbach. Ein Bericht des Pfarrers Moterus von Roßdorf an den hessischen Landgrafen schildert die Ereignisse in Beerfelden noch brutaler.
Rothenberg war 1621 noch hirschhornisch. Für die Söldner hatten die Grenzen der Herrschaftsgebiete keine Bedeutung. Die Soldaten waren auf die Plünderung der Bevölkerung angewiesen. Fouragieren nannte man das. Pferde waren kriegswichtig. Vieh, soweit es nicht der eigenen Ernährung diente, wurde vorallem in Städte getrieben und dort den hungernden Einwohnern verkauft. Ernteerträge ließen sich zu Geld machen. Geld, wertvolle Habe, auch Kleidung waren im Tross der Soldaten, mit denen auch Frauen und Kinder unterwegs waren, begehrt.

 

Die Rothenberger, deren Dorf unterhalb der Höhenstraße von Hirschhorn nach Beerfelden lag, werden von den marodierenden Söldner sicher nicht vergessen worden sein. Schriftliche Rothenberger Überlieferungen sind rar. Berichtet wird von einem Trupp von zehn Reitern aus dem Anholtischen Kommando, die am 27. November 1621 von der befestigten Kirche aus zurückgeschlagen wurden.

 

Nach der Schlacht bei Wimpfen im Mai 1622 rückte Tilly, General des Fürstenbundes der katholischen Liga mit seinen Söldern durch das Neckartal gegen Heidelberg vor, in dessen Schloß sich der evangelische „Winterkönig“, Kurfürst Friedrich V., geflüchtet hatte. Kriegsgerät wurde auf dem Neckar verschifft, Dilsberg und Heidelberg mit Kanonen beschossen. Das Tross der Armee plünderte und brandschatzte die Dörfer entlang seines Weges auch rechts und links des Neckars.

 

Der Krieg der adeligen Potentaten gegen Land und Leute war erst in seinem vierten Jahr!

Rothenberger Urkataster aus den 1850er Jahren. Die Wehrkirche samt Mauer ist eingezeichnet. Maßangaben in Klafter (1 Klafter = ca. 2,5m)-Die heutige Straßenführung am Metzkeil in Richtung Beerfelden ist noch bebaut.

41.

Ein mit einer Wehrmauer befestigter Friedhof, eine Wehrkirche, wozu? Schlachten wurden woanders geschlagen. Die Rothenberger Befestigungsanlage hatte in ihrer Geschichte bis Anfang des 19. Jahrhunderts mehrere Bewährungsproben zu bestehen. Wie noch in keinem Konflikt zuvor litt die Zivilbevölkerung zwischen 1618 und 1648, der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, unter den Auseinandersetzungen. Angst und Schrecken verbreitende, plündernde und mordende Söldner streiften durch das Land. Im „Krieg, der den Krieg ernährt“ wurde die Eskalation der Gewalt bewusst in Kauf genommen.

Johann Ph. W. Luck hat in seiner „Reformations und Kirchen-Geschichte der Graffschaft Erbach …“ 1772 die „Drangsaale“ beschrieben, denen die Bevölkerung Beerfeldens ausgesetzt war. Sein Bericht zitiert Christoph v. Adelsheim (1580 – 1632), einen kurpfälzischen Beamten. Lucks Schreibweise wurde beibehalten:

 

„17. Nov. 1621 Abends fielen 7 Cornet Reuter [Reiterkompanieen], unter Commando des Bayerischen General-Feld-Wachtmeisters Grafen von Anholt […] in den Flecken Beerfelden, plünderten, ohnerachtet der Verpflegung, denselben aus, nahmen 21 Pferde, und tractierten die Leute unmenschlich, daß sie, um ihr Leben zu retten, sich in die Wälder flüchteten. Folgenden Tags [… wurde] in dem Amt Freyenstein vollends alles aufgerieben auch die Kirche ihres Kelchs und Ornats [Ausstattung] beraubet, der Pfarrer erbärml. geschlagen und mit Stricken dermaßen geknebelt, daß ihm Gesicht und Gehör vergangen, das Blut aus den Augen herausgedrungen, und er in wenigen Tagen sterben müssen. Sie nannten ihn anders nicht, als einen Lutherischen Schelmen, und wollten ihn mit Bedrohung der Castration zwingen, daß er den Kirchen-Gesang: Erhalt uns, Herr, bey deinem Wort [Lutherisches Lied u.a. gegen den Papst] etc verschweeren [abstreiten, Existenz leugnen] sollte. Sie pressten ihm auch durch grosse Marter 600 fl [Gulden] aus. Die Flecken und Dörfer Freyensteiner Amts […] wurden geplündert, Pferde, Schwein- Rind- und Schaafviehe, mit Heerden hinweggetrieben, den Unterthanen ihr Gewöhr [Waffen] genommen, viele erschossen, etliche tödlich verwundet, die Frauens-Personen, jung und alt genothzüchtiget, und Häuser und Scheunen in Brand gestecket. …“

Soweit Luck zu den Ereignissen in Beerfelden.

Kupferstich, Soldaten überfallen ein Dorf (DAMALS, 5-2018)

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